ich möchte hier einmal meine aktuellen Erfahrungen zu dem Thema schreiben,
da ich den Umfang der Arbeiten und die zu beachtenden Details doch unterschätzt hatte.
Nach 20 Jahren wurde es Zeit:
Wanten und Stage sollten an unserer Dehler 22 erneuert werden. Gleichzeitig musste der kleine Fockroller vom Typ Top-Reff 2000 überholt werden.
Unsere neue, nach wie vor nicht auftrommelbare Fock, hatte leider zu „Kollateralschäden“ geführt:
Der Vorstagdraht hatte sich unmittelbar über der Trommel „aufgedreht“, das Kunststofflager im Fallschlitten war ausgeschlagen
und das Mitnehmerprofil der Rollanlage leicht verbogen. Wer mag kann das im Forum unter "Neue Fock und unerwartetes Problem" nachlesen.
Option 1: Das Marina-Team in Großenbrode bot über den Jahreswechsel den Austausch aller Wanten und Stage
inkl. neuer Wantenspanner für 435,- € an. Bei Verwendung einer Rollfock / Rollreffanlage war der jeweilige Endpreis zu erfragen.
Option 2: Da ich ohnehin den Fockroller beim Hersteller überholen lassen musste, habe ich dort auch das stehende Gut telefonisch angefragt.
Zwei Tage später fuhr ich mit allen Teilen ins Sauerland nach Finnentrop. Schnell wurde klar, dass diese kleine Firma erheblich mehr macht als nur
Rollanlagen für unsere Bootsgröße. Leider ist das aus den Internetseiten der Firma in keiner Weise ersichtlich.
Herr Sturm (Geschäftsführer) nahm sich viel Zeit und wir besprachen meine „Probleme“ und Sonderwünsche:
Neue Wanten (4mm): Bisher haben alle Wanten an ihrem unteren Ende ein Gewindeterminal für den Wantenspanner.
Wird dieses Gewinde beschädigt, muss die komplette Wante erneuert werden. Um das zu vermeiden, wollte ich anstelle des
Gewindeterminals jeweils ein Augterminal haben (ein Tipp von unserem Forumsmitglied Hardy). Der Tausch defekter Wantenspanner
ist deutlich preiswerter und schneller erledigt als die Anschaffung komplett neuer Wanten.
Neues Achterstag (4mm): Das obere Ende bildet bisher eine Drahtschlaufe die auf einer Rolle fixiert ist. Die eigentliche Funktion
einer Rolle wird aber nicht genutzt. Vermutlich hat Dehler die Rolle nur verbaut um den Biegeradius des Drahtes zu vergrößern.
Hier sind vorgeschriebene Mindestradien einzuhalten! Der Rollendurchmesser soll mindestens das 15-fache des Drahtdurchmessers haben.
Das ergäbe einen Rollendurchmesser von 60mm – eine derart große Rolle habe ich aber bisher auf keiner 22er gesehen.
Herr Sturm schlug vor, die Drahtschlaufe durch ein Augterminal mit 8er Bolzen zu ersetzen. Damit das Augterminal auf dem Bolzen nicht
seitlich verrutschen kann, wird es links und rechts durch Distanzstücke zentriert.
Von Dehler wurde für das Achterstag ein 3mm Draht verbaut, sowohl für den oberen Teil wie auch für den Hahnepot.
Meiner Meinung nach macht das keinen Sinn, da alle Wanten wie auch das Vorstag aus 4mm Draht bestehen.
Den Anforderungen entsprechend, ist der obere Draht vom Typ 1x19 (recht steif und dehnungsarm) und der untere Teil (Hahnepot)
vom Typ 7x19 (flexibler und für eine Umlenkung mittels Rolle geeignet).
Neues Vorstag (4mm): In der bisherigen Ausführung kann der Fallschlitten der Rollanlage nicht vom Vorstag demontiert werden:
Am oberen Ende vom Vorstag ist der Topwirbel im Weg und am unteren Ende das Gabelterminal. Aus diesem Grund schlug Herr Sturm vor,
am unteren Ende des Vorstags ein Gewindeterminal M8 für einen Wantenspanner zu montieren. Kleiner Nebeneffekt:
Wer mag kann jetzt für Regatten den Mastfall optimieren… (ist nicht wirklich ernst gemeint).
Rollanlage: Topwirbel und Fallschlitten wurden demontiert und gereinigt, der Fallschlitten bekam ein neue Kunststofflager und Buchsen,
das Mitnehmerprofil wurde neu angefertigt und dann mit dem Topwirbel und dem neuem Vorstag verschweißt. Alle Edelstahlteile wurden poliert.
Die Trommel des Fockrollers wurde nicht erneuert aber mit einer Leitöse versehen um das Auftrommeln der Reffleine zu verbessern.
Die Gretchenfrage, was hat das alles gekostet? Knapp 800,- € Nicht billig, aber meiner Meinung nach den Preis wert!
Die Firma Top-Reff kann ich empfehlen. Abgesehen von wenigen Kleinteilen (Draht, Schrauben etc.), fertigt man dort alle Teile selber an,
einschließlich der dafür erforderlichen Werkzeuge und Vorrichtungen. Herr Sturm weiß was er tut, hört geduldig zu und erklärt so manchen Hintergrund.
Natürlich gibt es auch preiswertere Anbieter und ob sich der Mehrpreis lohnt muss jeder für sich entscheiden. Für mich war es auf jeden Fall die richtige
Entscheidung und ich bekam eine Lösung „aus einer Hand“. Nur zur Info: Ich bin weder verwandt noch verschwägert und erhalte auch keine Provision
Es gibt einige Dinge die ich durch die ganze Aktion von Herrn Sturm gelernt habe, bzw. die mir erst dadurch wieder bewusst wurden.
Gerade für Anfänger könnte das ein oder andere wichtig sein:
Das Achterstag sollte man immer entspannen bevor das Vorsegel eingerollt wird. Das nimmt den Zug aus dem Vorstag und verringert den
Kraftaufwand beim einrollen des Vorsegels. In der Hitze des Gefechts wird das gerne mal vergessen…
Der Fockroller muss sich beim einrollen des Vorsegels von oben gesehen immer rechts herum drehen - also in Drallrichtung des Vorstagdrahtes.
Dreht sich die Trommel links herum, besteht z. B. bei kräftigem Wind und entsprechend schlagendem Vorsegel die Gefahr dass sich der Draht
oberhalb der Trommel „aufdreht“ (Bild 5 und 6).
Beim durchsetzen des Vorsegels darf der Fallschlitten nicht bis zum Anschlag gegen den Fallwirbel gezogen werden! In der alten Version war
im oberen Teil des Mitnehmerprofils keine beidseitige Nut vorhanden. Sollte der Fallwirbel bis in diesen Bereich hoch gezogen werden,
dreht sich zwar der Fockroller, aber am Segelkopf passiert erst einmal nichts…
Bei der neuen Version geht die beidseitige Nut über die volle Länge des Mitnehmerprofils (Bild 3 und 12).
Sollte bei einem Vorsegel die Vorlieklänge zu kurz sein, kann man sich bekanntlich mit einem kurzen Draht- oder Dyneemastropp behelfen.
In diesem Fall darf der aber nur am Segelkopf montiert werden – nicht am Segelhals. Der untere Stropp würde sich sonst beim auftrommeln,
insbesondere bei starkem Wind, unter hoher Spannung mehrfach um das Vorstag wickeln und so den Fockroller blockieren.
Das Fall des Vorsegels sollte nicht parallel zum Vorstag verlaufen, sondern in einem Winkel von ca. 10-15° auf den Fallschlitten treffen.
Dafür liegen aber bei unserem Mast der Austritt des Fockfalls und das T-Terminal für das Vorstag zu dicht beieinander.
Zur Verbesserung der Situation werde ich das Fockfall von oben kommend erst durch eine kleine Leitöse am Mast unterhalb der Umlenkrolle führen.
Eigentlich ist nur das T-Terminal zu kurz, aber da unserer Genua die zur Verfügung stehende Vorstagslänge maximal ausnutzt, habe ich da keine andere Alternative.
Ein Schäkel im Kopf des Segels sollte so beschaffen sein, dass er keine Berührung mit dem Vorstag hat.
Der Schäkel könnte sonst das Auftrommeln des Vorsegels behindern (Bild 7).
Die schwarze Kugel am unteren Ende des Vorstags soll lediglich verhindern, dass der Fallschlitten direkt auf das untere Gabelterminal des Vorstags
fallen kann und so auf Dauer das Kunststofflager im Fallschlitten beschädigt (Bild 6).
Im Frühjahr und Herbst sollten insbesondere alle sicherheitsrelevanten Teile in Augenschein genommen werden. Der Hochglanz des Gelcoat ist da eher unwichtig.
Ich erlebe immer wieder, dass der Mast im Herbst gelegt wird und im Frühjahr einfach wieder aufgeriggt wird – ohne jede Durchsicht / Kontrolle.
Ist mir leider aus Zeitmangel auch schon passiert.
Im vergangenen Jahr ist in unserem Verein bei wenig Wind der Mast einer Varianta umgefallen – das hat keine 2 Sekunden gedauert! Ursächlich war wohl ein Ermüdungsbruch im Topwirbel der eigentlich hätte schon länger erkannt werden können (müssen!). Die Kollegen an Bord hatten vergleichsweise Glück.
Einer musste mit einer Platzwunde am Kopf ins Krankenhaus, der andere hatte 2 Wochen starke Schmerzen weil er im Bereich der Nieren getroffen wurde.
Weitere Bilder im Teil 2
Eine schöne und stressfreie Segelsaison 2015
Gruß Franz